Einband hat Flecke, der Deckel hebt sich.
Ägypten, Griechenland, Süditalien, Sizilien, Rom, Sardinien, Etrurien, die Provence - Länder, die im Bereich erfüllbarer Reiseträume liegen. Das antike geflügelte Wort aus den Episteln des Horaz «Non cuivis homini contingit adire Corinthurn» - «Nicht ist jeglichem Manne die Reise vergönnt nach Korinthus» gehört einer zurückliegenden Epoche an, der Mensch unserer Tage geht auf Reisen und kein Ziel liegt ihm zu weit. Er setzt sich über Matthias Claudius, der so schön sagte: «Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen» hinweg und gesteht, dass, wer heute eine Reise tut, den andern nichts mehr erzählen kann, weil alle reisen ...
Und doch ist das Reisen unserer Tage nicht mehr mit jenem zu vergleichen, das Goethe in seinen Büchern aufzeichnete, mit dem Reisen, das dauernden Gewinn bringt, das den Menschen bildet und formt. Ägypten, Griechenland, Süditalien. Sizilien, Rom, Sardinien, Etrurien und die Provence sind im Leben vieler Menschen Stationen, an die sie sich später kaum mehr. erinnern; sie haben die Länder durcheilt, manches und doch nichts gesehen. Es gab viele Steine, deren Sprache sie nicht zu entziffern verstanden, weil sie keiner auf diese Sprache hinwies, und auch mit den Museen ist das so eine Sache:
Man geht hin, weil es zum guten Ton, zur Bildung gehört. Doch eines Tages kann ein Wort, kann ein Hinweis, ein Bild diesen reisenden Menschen ansprechen, ihn für die berühmte Sonne Homers begeistern und «siehe, sie lächelt auch uns!»
Als in Europa der Jäger der Nacheiszeit durch die Wälder und sumpf bedeckten Landschaften nach Nahrung streifte, ahnte er kaum, dass im südlichen Mittelmeer schon eine hohe Kultur blühte. Bei uns lebte man noch in Höhlen oder auf Pfahlbauten, während sich in Ägypten in weisse Linnen gekleidete Menschen an der Tafel unterhielten, musizierten und geistreiche Worte zu ihrem Gott beteten: «Schön ist Dein Erscheinen im Lichtort des Himmels, Du lebender Aton, der von Anbeginn lebte! Dein leuchtendes Aufgehn im östlichen Lichtort erfüllt alle Lande mit Deiner Schönheit; Du bist gütig und gross, glanzvoll und hoch über allen Landen, Deine Strahlen umfassen die Länder bis zum Rand Deiner Schöpfung!»
Am Nil entstanden die Pyramiden, Tempel und Heiligtümer, und die Menschen lebten in Häusern. Sie legten goldene Spangen um ihre Arme und Pfirsichrot auf die Lippen, sie trugen Ringe und Sandalen und ergingen sich in den Vorhöfen der Tempelstädte, die sie für ihre Götter bauten. Aus dem Kreise der Gebildeten entstanden die Weisheits sprüche, und die Mütter erzählten ihren Kindern vor dem Einschlafen Märchen. Sie schrieben auf Papyrus und rneisselten die Taten der gros sen Pharaonen an die gewaltigen Umfassungsmauern: die Schlachtensiege gegen die Nubier und jene Völker, die im Norden wohnten. Sie kannten seit Jahrtausenden schon den Kalender mit 365 ~ Tagen, den sie mit dem Frühaufgang des Sirius Gestirns in Oberägypten, am 18. Juni, und mit dem zusammenhängenden
Verlag: Buchclub Ex Libris *
Jahr: 1963 *
Einband: Leinen *
Ort: Zürich *
Seitenzahl: 152
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