Freerk Huisken : Zur Kritik bürgerlicher Didaktik und Bildungsökonomie
List Verlag 1972, Taschenbuch mit Textileinband, 430 Seiten
Einleitung :
Wer sich die Entwicklung der pädagogischen Fragestellungen und schulpraktischen Veränderungen in der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg lediglich im Horizont bürgerlichen Pädagogikverständnisses vergegenwärtigt, wird leicht dazu kommen, lauter Fortschritte zu sehen: Die Förderstufe ist Wirklichkeit geworden, das 9. Schuljahr zuletzt auch in Bayern eingeführt, die Gesamtschule soll Regelfall werden, die Prügelstrafe ist überall abgeschafft, die Bastionen der Bekenntnisschule werden zugunsten der christlichen Gemeinschaftsschule abgetragen. Die Liste der Vorzüge ließe sich erweitern. Die pädagogischen Theoretiker haben dieser Entwicklung vorgearbeitet: Sozialisationsproblematik und Curriculumforschung, Gesellschaft, Herrschaft, mdividuation, Emanzipation und Chancengleichheit sind erstaunlich rasch ihren Theorien eingeflochten worden, und eine Nachhut der Bildungstheoretiker scheint es kaum noch zu geben. Bürgerliches Denken könnte, wie gesagt, zufrieden sein: Es hat sich wieder bestätigt, daß richtige Theorien und gute Argumente auf Dauer nicht unwirksam bleiben, das Gute setzt sich durch. Qualität siegt.
Von dieser Betrachtungsweise grenzt sich Freerk Huisken radikal ab, indem er die Entwicklung der Didaktik auf dem Hintergrund der kapitalistischen Wirtschaft nachzeichnet und bisher ungeklärte Zusammenhänge zwischen Bildungstheorie und Bildungsökonomie ins Bewußtsein hebt. Er bedient sich marxistischer Methoden und zeigt damit, daß bürgerliche Erkenntnismittel ungeeignet sind, realitätsgerechte Analysen pädagogischer Sachverhalte durchzuführen; bürgerliches Denken neigt eher dazu, sich durch einen Sprung in technologische bis technokratische Schulreformen aus der unbegriffenen sozialen Affäre zu ziehen, die seine eigene Erkenntnismisere darstellt. Eine positivistisch reduzierte Unterrichtsforschung spiegelt die gesellschaftliche Ratlosigkeit einer in ihren materiellen Mitteln erheblich aufgestockten, aber sonst politisch bedeutungslosen gegenwärtigen Erziehungswissenschaft wider.
Die Untersuchung von Freerk Huisken ist ein wichtiger Studientext der Lehrerbildung, an dem die nächste Pädagogengeneration lernen kann, wie der lediglich pädagogisch interpretierte Fortschritt einer nachdrücklichen kritischen Analyse bedarf, um sich als das zu zeigen, was er wirklich ist.
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