Aus der Reihe
Deutsche Geschichte in 10 Bänden Band 5, Deutschland von 1600 - 1715
Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ( Hochwertige Büchergilde-Qualität !! ) 1991, Fester Einband, 550 Seiten. mit 2 Karten
Einleitung :
Das 17. ist das am wenigsten erforschte der drei frühneuzeitlichen Jahrhunderte. Das hängt zusammen mit traditionellen Perspektiven der deutschen Geschichte, insbesondere mit ihrer kleindeutsch-protestantischen Interpretation: Das 16. Jahrhundert sah den Durchbruch der Reformation und das 18. den Aufstieg Brandenburg-Preußens. Dagegen war das 17. Jahrhundert bestimmt durch die Wiederkonsolidierung der Alten Kirche, den Wiederaufstieg des Kaisertums und das Heraufkommen des Absolutismus. Auch war es ein aristokratisches Säkulum gegenüber den
bürgerlich erscheinenden Jahrhunderten davor und danach, gekennzeichnet durch eine Abfolge von Kriegen, wirtschaftliche Krisenerscheinungen, durch den massiven Einbruch der Bevölkerungszahl - alles noch verschärft durch den Dreißigjährigen Krieg, der bis zu den Schrecken des zo.Jahrhunderts das Trauma der deutschen Geschichte blieb.
Dies alles trug dazu bei, daß das 17. Jahrhundert zum ¡dunklen Jahrhundert¡ der neueren deutschen Geschichte wurde. Das hängt auch mit der Epochenzäsur zusammen, die die meisten Darstellungen kennzeichnet, dem Jahr 1648 - es machte die erste Jahrhunderthälfte zur Nachgeschichte des i6., die zweite zur Vorgeschichte des i8. Jahrhunderts. Schon das Gesagte deutet an, daß es gute Gründe dafür gibt, das Jahrhundert als eine Einheit zu sehen, nicht nur die Zufälligkeit der christlichen Zeitrechnung; auch eine deutliche politische Destabilisierung kennzeichnet um 1600 die Situation für Mitteleuropa, zu der der wirtschaftliche Konjunkturverfall trat. Die Menschen sahen das Unheil kommen und redeten es auch herbei. Der Kompromiß von 1555 im Verhältnis der Konfessionen verlor seine Tragfähigkeit. Die Kontrahenten suchten Verbindungen nach außen, die Protestanten vor allem, weil ihnen die katholisch-habsburgische Achse Österreich-Spanien unüberwindbar erschien. Das neue Jahrhundert zerbrach sie, und die Hegemonie Frankreichs begann seit den 1630er Jahren auf dem Reichsverband zu lasten. Erst mit dem Spanischen Erbfolgekrieg (I700-1713/15) konnte das werdende europäische Mächtesystem diese Hegemonie wieder auflösen - daher schließt das Buch mit dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs, bezieht aber noch den Ausgang des ersten Türkenkriegs Kaiser Karls VI. 1718 und das Ende des Nordischen Kriegs 1720/21 mit ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts ließ nicht nur der kriegerische Druck nach, auch die wirtschaftliche Situation begann sich zu bessern. Ein
Eisernes Jahrhundert (Henry Kamen) war zu Ende gegangen.
Der Leser wird bemerken, daß das Jahr 1648 als Zäsur wichtig bleibt,
aber zugleich wird auch deutlich, daß ein Verschieben der Epochengrenzen die Perspektiven und damit auch die Erkenntnisse verändert. Neben den klassischen Fragen der politischen und Verfassungsgeschichte soll auch die Geschichte von Gesellschaft und täglichem Leben, von Kirche und Wissenschaft nicht zu kurz kommen. Vernachlässigt wurden Kunst und Literatur angesichts einer reichen Spezialforschung. Bei dem notgedrungen rationalen Zugriff des Historikers sollte nicht vergessen werden, daß die Menschen jener Zeit in einer stark religiös - und dies nicht nur im engeren christlichen Sinne - bestimmten Welt lebten und überdies der Macht der Natur noch hilflos ausgeliefert waren.
Den geographischen Rahmen der Darstellung kann nur das Heilige
Römische Reich, nicht das heutige Deutschland abgeben. Das bedeutet,
daß der Blick besonders auf den Wiener bzw. Prager Kaiser als den
Hauptakteur des Reichsverbandes fallen muß. Dem schon weitgezogenen
Ablösungsprozeß der Schweiz und vor allem der Republik der Vereinigten
Niederlande wurde in der Darstellung Rechnung getragen.
Auch wurde der Versuch gemacht, eine allzu nationale Sicht zu relativieren, also die Geschichte der Nachbarn, auch der östlichen, einzubeziehen -die Wechselwirkungen waren stark und gewannen zunehmend an Bedeutung. Der säkulare ¡Verdichtungsprozeß¡ (Peter Moraw) umfaßte ganz Europa und ließ es gerade im 17. Jahrhundert enger zusammenwachsen. Auf der anderen Seite wurde der Versuch unternommen, die territoriale Struktur des Reiches herauszuarbeiten und seine regionalen Systeme deutlich zu machen.
Dieses Buch folgt den Spuren, die im Vorgängerband von Horst Rabe gelegt wurden. Zunächst wurden die Strukturen in der ersten Jahrhundert-hälfte behandelt, dann die Ereignisgeschichte bis zum Westfälischen Frieden. Der Rückgriff auf die Zeit vor 1600 ließ dann das zweite strukturelle Kapitel deutlich kürzer werden, dem wiederum die Ereignisgeschichte bis zum Ende des Spanischen Erbfolgekriegs folgt. So zeigt sich, daß das Jahr 1648 Zäsur und Brücke zugleich war, nicht nur Endpunkt und Neuanfang, sondern auch in hohem Maße Symbol historischer Kontinuität - also daß auch aus dieser Perspektive sich das Jahrhundert als Einheit darstellt.
Hinzuzufügen ist, daß die Daten dem neuen, gregorianischen Kalender folgen; zur besseren Orientierung wurden einzelnen Personen Jahreszahlen beigefügt - der Autor entschied sich bei geistlichen und weltlichen Herrschern für die Regierungsdaten, bei anderen für die Lebensdaten, vielleicht nicht konsequent, aber praktisch.
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