Aus der Reihe
Deutsche Geschichte in 10 Bänden Band 1, Deutschland bis 1056
Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ( Hochwertige Büchergilde-Qualität !! ) 1985, Fester Einband, 438 Seiten. mit 2 Karten
Einleitung :
Eine Darstellung der
Anfänge und Grundlagen der deutschen Geschichte bedarf vorab einiger Erläuterungen. Es soll klar gesagt werden, von welchen Aspekten der Verfasser ausgeht und welche Schwerpunkte er setzt. Verhältnismäßig problemlos dürfte es sein, wenn im Einleitungsteil das weitere Umfeld der Entstehung des deutschen Reiches sowohl chronologisch durch Rückblicke bis in die Spätantike als auch räumlich durch eine knappe Charakterisierung des europäischen Rahmens der Entfaltung deutscher Geschichte skizziert wird. Dies scheint um so nötiger, als sich der Rahmen - nämlich das europäische Mittelalter - selbst erst mit dem mittelalterlichen Reich bildete, in mancherlei Hinsicht ohne diesen Vorgang der Reichsbildung wohl auch gar nicht seine unverwechselbare Gestalt hätte gewinnen können. Die wechselseitige Verflechtung der europäischen und der späteren deutschen Geschichte ist keine nachträglich aufgesetzte ¡Mitteleuropa-Ideologie¡, sondern liegt in dem hier zu beschreibenden historischen Prozeß selbst begründet.
Schwieriger dürfte es hingegen sein, die auf weite Strecken bevorzugte erzählende Form der Darstellung der sogenannten ¡Ereignisgeschichte¡ zu rechtfertigen, da sie in offensichtlichem Widerspruch zur vorherrschenden Strukturgeschichte zu stehen scheint. Man könnte es sich leicht machen und einfach die Notwendigkeit ins Feld führen, für einen breiteren Leserkreis Geschichte erst einmal schlicht zu erzählen, ehe man daran geht, die überindividuell bedingten Voraussetzungen geschichtlichen Handelns bloßzulegen; eines Handelns, das zwar durch eine Vielzahl einzelner Menschen bewirkt wurde, jedoch transpersonal, meist ohne ihr Wissen, ihr Tun und Lassen bestimmte, sie manchmal sogar zu Marionetten anonymer Kräfte degradierte. Eine solche Begründung für erzählende Geschichtsdarstellung genügt aber nicht, vor allem weil sie Ereignisgeschichte und Strukturgeschichte zu Unrecht als Alternativen ansieht. Eben diese gibt es im historischen Leben nicht; es kann sie auch gar nicht geben, da das Subjekt des historischen Prozesses immer der Mensch selbst bleibt, der stets zugleich Individuum wie Teil der Gesellschaft war und ist.
Daß ein relativ umfangreicher erzählender Teil den strukturgeschichtlichen Abschnitten vorangestellt wurde, hat noch einen anderen Grund. Der Verfasser möchte überall dort, wo dies möglich ist, zeigen, wie sich aus dem schicksalhaften Zusammenspiel von einmaligen Ereignissen und überpersönlichen Kräften dauerhafte Strukturen bildeten, die lange Zeit und oft über Jahrhunderte hinweg als bleibende neue Gegebenheiten wirkten. Sie
vermochten dann ihrerseits in beträchtlichem Ausmaß das individuelle Handeln zu bestimmen und gaben gewissermaßen die Bühne für das aufzuführende Stück der jeweiligen, scheinbar offenen Gegenwart ab. Eine Struktur, die aus der Abfolge einmaliger geschichtlicher Situationen entstand, ist etwa in karolingischer Zeit die Instrumentalisierung der Kirche als Reichskirche und deren Erneuerung und Stabilisierung unter den Ottonen und frühen Saliern. Strukturbildend wirkte auch, daß Otto der Große die Unteilbarkeit des Reiches durchgesetzt hat - ein Faktum der Ereignisgeschichte, das im weiteren Verlauf der Entwicklung eine dauerhafte Gegebenheit der deutschen Geschichte wurde. Bildlich gesprochen: Ohne das zwischen Ereignis und Struktur, Individuum und Gesellschaft hin- und hersausende Weberschiffchen von Ursachen und Wirkungen ist im Grunde eine erklärende Geschichtsdarstellung gar nicht möglich. Strukturen ohne die modifizierende und individualisierende Kraft konkreter Ereignisabläufe bleiben blind, trocken und abstrakt, Geschichte verkommt dabei zum Faktensteinbruch für ideologische Modelle und philosophische Systeme -Hegel ante portas. Umgekehrt bleiben Ereignisse ohne dauerhafte, nämlich strukturbildende oder strukturverändernde Folgen belanglos, sind bestenfalls fesselndes Erzählgut in historischer Gewandung. Dargestellte Geschichte und Analyse geschichtlicher Prozesse müssen sich ergänzen und wechselseitig erhellen. Thematische Uberschneidungen zwischen dem Einleitungskapitel sowie den ereignisgeschichtlichen und strukturgeschichtlichen Abschnitten waren dabei nicht immer zu vermeiden; sie wurden dort in Kauf genommen, wo dies eine fortlaufende Lektüre erleichterte.
Wenn sich die Kapitel des erzählenden Teils weitgehend an Herrscher-persönlichkeiten orientieren, dann soll damit kein antiquierter ¡Personen-kult¡ betrieben werden; die wenigsten dieser Herren waren übrigens Heiden im landläufigen Sinne. Vielmehr stellt die einzelne, sakral legitimierte Person an der Spitze des Reiches ein durchaus natürliches und sachgerechtes Ordnungsprinzip des Stoffes dar. Warum sollte man eine vom Geschichtsablauf selbst gegebene, durch die existentielle Kategorie des Todes legitimierte Gliederung verschmähen, nur weil man sich dem Verdacht aussetzt, sich an monarchische Haupt- und Staatsaktionen zu klammern? Schon die Tatsache, daß mit dem Tode eines Herrschers auch bei einer dynastisch gesicherten Nachfolge zumeist neue Situationen auftraten, scheinbar sicher Vorgegebenes und Erwartetes umgestoßen wurde und nicht selten Erbfolge und Wahlrecht wieder konkurrierten, beweist, daß Herrscherwechsel dem Neuen, Unerwarteten sehr oft eine Chance gab und damit den Ereignisfluß gleichsam von selbst ¡rhytmisierte¡. Mit anderen Worten: Wenn man den heute vielberufenen anthropologischen Aspekt der Geschichte, also den Bezug auf den konkreten Menschen ernst nimmt, wird einem die Gliederung nach jenen Persönlichkeiten, die durch die Quellen besonders ins Licht gerückt werden, als durchaus natürlich erscheinen.
Daß dabei jene nicht vergessen werden, die Geschichte vor allem erlitten haben und die ¡im Dunkeln¡ stehend die Zeche großer Taten bezahlen mußten, versteht sich von selbst. Der Autor ist zuversichtlich, manche ¡Fragen eines lesenden Arbeiters¡, wie sie Bert Brecht stellvertretend für das Gros der Menschheit gestellt hat, beantworten zu können, insofern die spärlichen Quellen über das Leben derer berichten, die das Brot buken, Häuser bauten, Werkzeuge erfanden und anwandten, die also, mit~ einem Wort, vom Pflug bis zur kostbaren Handschrift, von der Hegung der Haustiere bis zum Dom und Altarkreuz die europäische und mit ihr die deutsche Kultur schufen.
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