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W. Siemann : Vom Staatenbund zum Nationalstaat

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Beschreibung
Aus der Reihe Deutsche Geschichte in 10 Bänden Band 7, Deutschland von 1806 - 1871

Ausgabe der Büchergilde Gutenberg ( Hochwertige Büchergilde-Qualität !! ) 1995, Fester Einband, 500 Seiten. mit 2 Karten


Einleitung :

Niemand kann zweimal in denselben Fluß steigen - dieser Satz des Heraklit von Ephesos kann auch das Verhältnis des rückschauenden Beobachters zur Geschichte versinnbildlichen. Der Blick auf die Vergangenheit wird durch ihren Fortgang ein anderer. Diese scheinbar schlicht anmutende Erkenntnis ist später auch in das Urteil gefaßt worden, jede Generation müsse sich ihre Geschichte neu schreiben. Ganz so selbstverständlich ist diese Beobachtung allerdings nicht angesichts der Frage, weshalb den bereits vorhandenen zahlreichen Büchern zur deutschen Geschichte im 19.Jahrhundert noch ein weiteres hinzugefügt wird. Da die vorliegende Darstellung mehr ein Panorama als zahlreiche neue Einzelheiten ausbreiten will, kann der Gewinn neben der Unterrichtung über das Vertraute - was man mit Recht erwarten wird - vor allem in der Folge neuer oder noch wenig erprobter Blickwinkel liegen. Die Darstellung ist wie ihr Autor geprägt von der deutschen und europäischen Geschichte nach 1945. Der weithistorische Umbruch von 1989 ist gerade auch für den Blick auf die deutsche Geschichte nicht ohne Folgen geblieben. Als Zeitgenosse das ausgehende 20. Jahrhundert mit seinen tiefgreifenden Wandlungsvorgängen und Krisen zu erleben muß zugleich auch Spuren hinterlassen in den Fragen und der Aufmerksamkeit, die sich auf das 19. Jahrhundert richten. Fünf neue Gesichtswinkel prägen vor allem diese Darstellung:
1. Die staatsrechtliche Wiederherstellung der Bundesländer im deutschen Osten von Mecklenburg bis Thüringen belebt die Neugier auf föderalistische Traditionen, die im Staatsaufbau Deutschlands während des 19. Jahrhunderts zum Leitthema gehörten. Die europaweite Hinwendung zu regionalen Kulturen und Lebenswelten kann jenes Wahrnehmungsvermögen noch schärfen und dazu anregen, die kleineren politischen Einheiten in der deutschen Geschichte - die Länder und Kommunen - deutlicher ins Bewußtsein zu heben, als es unter der streng nationalen Perspektive bisher geschehen ist. Auf diesen Ebenen erscheint die deutsche Geschichte keineswegs als so verspätet oder rückständig oder vormodern, wie es immer noch mit Blick auf die damals fehlenden zentralstaatlichen Institutionen behauptet wird.
2. Die nationale deutsche Geschichte entfaltet sich im 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum, und hierbei ist zu bedenken, daß die Abstände nach Osterreich, aber auch zur Schweiz hin, noch nicht so trennend wirkten, wie es die gegenseitigen staatsrechtlichen Grenzen erscheinen lassen könnten. Nimmt man die Wahrnehmungen wacher Beobachter aus der Schweiz und der Habsburgermonarchie ernst, entwickelte sich die deutsche Geschichte im 19.Jahrhundert in einem fortwährenden Prozeß zwischen den Spannungspolen Differenzierung und Integration. Die kulturnationalen Beziehungen verbanden in Austausch und Wechselwirkung auch intensiv den deutschsprachigen Raum; andererseits verstärkte dieser Austausch im Jahrhundert der Nationbildung das Bedürfnis nach einer eigenen, abgrenzbaren schweizerischen, österreichischen und im engeren Sinne deutschen Nationalität.
3. Die deutsche Nationbildung vollzog sich im Austausch und in Berührung mit den europäischen Nachbarn; auf einer höheren Ebene wiederholte sich also der Vorgang von Differenzierung und Integration. Auf dialektische Weise vermochte das Bekenntnis zu größeren Solidargemeinschaften zugleich der ausgrenzenden Selbstfindung zu dienen, etwa in den deutschen Freiheitskriegen, die sich als Teil einer europäischen Oppositionsbewegung gegen das napoleonische Empire richteten, etwa in dem Philhellenismus und der Polenfreundschaft deutscher Patrioten, die damit zugleich in der Zeit der Unterdrückung ihre Wünsche nach einem geeinten deutschen Verfassungsstaat lebendig hielten, so auch in der Anteilnahme für die italienische Einigung, als das deutsche Bundesgefüge in eine Krise kam.
~. Während die ersten drei genannten Perspektiven geeignet sind, den Vorgang der deutschen Nationwerdung komplizierter und komplexer erscheinen zu lassen, bringt der Gesichtswinkel von Natur und Umwelt eine Dimension in die Geschichte des 19. Jahrhunderts, die bisher bestenfalls am Rande Aufmerksamkeit gefunden hat; sie eigens zu beachten entspringt keiner modisch bedingten Attitüde, denn schon die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts, ja, bereits der Frühen Neuzeit, entwickelten Sorge und Gespür dafür, daß die naturgegebene Umwelt nicht nur Objekt menschlichen Handelns, gar der Ausbeutung, sein konnte, sondern des Schutzes vor Raubbau und Verwüstung bedurfte. Die Selbstwahrnehmung der Zeitgenossen ist freilich nur eine Seite; die andere erschließt sich in der Kenntnis der Nachgeborenen, wie staatliche Gesetzgebung, wirtschaftliche Betätigung und Verkehrserschließung Landschaft und Tierwelt tiefgreifend verändert haben.
~. Am Ende des 20. Jahrhunderts gewinnen wir Mitlebenden inzwischen einen so großen zeitlichen Abstand zum 19. Jahrhundert, daß es seinen bisherigen Rang als Drehscheibe der Moderne zu verlieren beginnt und Versuche anheben, den Wandel der modernen Welt seit dem Durchbruch der Industrialisierung in Großbritannien und der Französischen Revolution zeitlich feiner zu gliedern. Die Epoche der ¡Modernisierung¡ seit der Zeitenwende zu Ausgang des 18. Jahrhunderts bedarf zunehmend einer neuen eigenen, inneren Gliederung, in der sich das 19. Jahrhundert als eine besondere Periode herauszugrenzen beginnt. Wie weit das berechtigt ist, soll diese Darstellung erproben. Eines legt jedenfalls dieser größere zeitliche Abstand nahe: den Versuch einer zusammenhängenden Epochensicht, welche den Wandel zwischen dem Alten Reich und dem Kaiserreich von 1871 als ganzen auffaßt. Diese Darstellung soll mithin aus den langfristigen Veränderungen im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen, politischen und verfassungsgeschichtlichen Bereich jene typischen Elemente hervorheben, die das 19. Jahrhundert innerhalb der ¡Moderne¡ als eigene Epoche kennzeichnen.
Denn der neue Blick auf das 19. Jahrhundert rückt davon ab, es in allen seinen Dimensionen in jene großen zeitlichen Blöcke aufgehen zu lassen, durch welche die Jahre 1815 und 1848 wie tiefe Trennlinien hindurchschneiden, so unentbehrlich solche Epocheneinschnitte sind, um politische Entwicklungen zu gliedern. Jürgen Kocka hat diese neue Konzeption für die Entstehung der modernen Lohnarbeiterschaft erprobt, indem er den Wandel zwischen der ¡Schwellenzeit¡ um i8oo und der Zeitgrenze um 1870/75 als ganzheitlichen behandelt.' Die vorliegende Darstellung weitet den Blick über eine einzelne gesellschaftliche ¡Klasse¡ hinaus auf die Dimensionen von Staat, Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft und Kultur im 19.Jahrhundert aus; sie erkennt in den ersten zwei Dritteln des 19.Jahr-hunderts eine ¡Schlüsselzeit¡, ¡denn in ihnen versank in Deutschland allmählich ein großer Teil der traditionellen ökonomischen und sozialen Ordnung und machte neuen Kräften Platz, die dann im letzten Drittel des Jahrhunderts, stärker noch im 20. die Herrschaft übernahmen. ¡Dem langsamen ¡Versinken¡ alter Ordnungen ist das Aufscheinen der neuen zur Seite zu stellen, und weil diese In- und Auseinanderentwicklung zeitlich verwoben erfolgte, ließ dieser Wandel zeitweilig Tradition und Moderne nebeneinander herlaufen. Wie selten sonst trifft hier die inzwischen fast sprichwörtliche ¡Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen¡ den eigentümlichen Gang der deutschen Geschichte im i9.Jahrhundert. Ihn als ganzen zu verfolgen hilft, ihn zu erkennen. Das Außerordentliche und Aufregende dieses Wandels liegt in seiner Allmacht, alle Lebenssphären zu durchdringen, welche Menschen im 19. Jahrhundert handelnd beeinflußten oder leidend erlebten. Dem Leser begegnen diese Bereiche in den sieben Kapiteln des ersten Teils, der die übergreifenden Strukturen sichtbar machen soll. Das zeitliche Ineinander läßt sich gedruckt freilich nur durch ein erzähltes Nacheinander fassen. Doch das geschieht im Rhythmus der historischen Dynamik. Zu Beginn des Jahrhunderts ging die Initiative gesellschaftlichen Wandels von den deutschen Einzelstaaten aus. Die aufgeklärten Beamten nötigten vielen widerstrebenden gesellschaftlichen Gruppen Reformen geradezu auf. Mit dem Fortschreiten des Jahrhunderts, massiv im Durchbruch der Julirevolution des Jahres 1830, ging die Initiative an die gesellschaftlichen Kräfte über, die durch Unruhen und Aufstände, durch bürgerliche Öffentlichkeit in Parteien, Presse und Parlamenten Veränderungen forderten und auf wachsende Defensive der staatlichen Handlungsträger stießen, gipfelnd in der Revolution von 1848/49. Dieser Dynamik folgt die Anordnung der Kapitel, beginnend bei den deutschen Staaten, die zunächst dazu beitrugen, die alte ständisch-agrarische Ordnung aufzulösen und die entstehende bürgerliche, am Markt orientierte voranzutreiben. Von den Einzelstaaten gingen zunächst die ersten Schritte der inneren Angleichung und Annäherung aus, bis sich ¡die Nation¡ ihre eigenen Foren im Ringen um Vereine und Publizität der Medien schuf. Der Wandel einzelner gesellschaftlicher Gruppen, der Wandel im Umgang mit der Natur, die Veränderung der Religion und Kultur in weitem Sinne - alle diese Dimensionen menschlichen Handelns haben an jenem ¡Versinken¡ und ¡Aufscheinen¡ teil. Zu dem neuen Blick auf das 19. Jahrhundert wird also auch gehören, es aus dem zu ausschließlichen Erklärungsnotstand zu lösen, mit dem es dem Zweiten Kaiserreich seit 1871 und der deutschen Entwicklung im 20.Jahrhundert dienen mußte; es wird stärker eingebunden erscheinen in die noch fortdauernden frühneuzeitlichen, alteuropäischen Traditionen.






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