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Die Galerie der kleinen Dinge

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Beschreibung
Kleines Kulturgeschichtliches ABC von A wie Aschenbecher bis Z wie Zündholz

Haffmans Verlag 1990, Gebunden, 264 Seiten.
vergrößerte Neuausgabe von 1990
mit Illustrationen von F.W.Bernstein

Vorwort :

Im Jahre 1619 erschien ein ebenso voluminöses wie kurioses Buch. Sein Titel füllt eine halbe Seite, und zwar auf lateinisch. Zu deutsch und stark verkürzt lautet er etwa Amphitheater ernstwitzigerLobreden auf unwürdige Dinge. Caspar Dornavius, Arzt und Philosoph, hatte hier Zeugnisse einer langen und sehr produktiven Tradition versammelt. Es handelt sich um die Texte einer ¡schwarzen Rhetorik¡. Dinge, Menschen, Zustände, die man allgemein als gering, verächtlich, schädlich ansieht, werden hier kunstreich in Objekte der Huldigung verwandelt.
Der athenische Sophist Polykrates besang die Maus, grobe Tontöpfe und die Steinchen antiker Brettspiele. Lukian porträtierte die Fliege. Es folgten Floh und Nuß, die man Vergil zuschrieb. Ein gelehrter Philolog glaubte, diese paraliterarischen Textchen mit der böswilligen Verwirrlogik der Sophisten erklären zu können:
¡Die Sophisten, welche ihre Kunst daran setzen, durch Dialektik Falsches und Wahres zu vermengen, über alles einen trügerischen Schein zu verbreiten, eine schlechte Sache durch Spitzfindigkeiten zu vertheidigen und zu retten, verfaßten zuerst Lobreden auf nichtige oder verwerfliche Dinge und munterten dadurch auch bedeutendere Schriftsteller zu ähnlichen Versuchen auf.¡
Das stimmt. Später erholten sich die Humanisten wie Erasmus, Ulrich von Hutten, Philipp Melanchthon oder Julius Cäsar Scaliger von ihren großen Themen zwischen Gott und Mensch bei kleinen Dingen, Krankheiten und Dummheiten.
Im Falle des Erasmus von Rotterdam hielt sein Lob der Torheit sogar viel länger als all seine Erziehungs- und Aufklärungstraktate. Auch der Nachttopf wurde bedichtet, sogar als Sonett. Die Gicht, die Kahlköpfigkeit, die Gänsefeder, der Buckel, der Kochtopf Ulrich von Hutten schrieb 1518 eine Abhandlung über ¡Nemo¡, Niemanden.
Was gar nicht stimmt ist die böse Absicht der sophistischen oder humanistischen Lobredner. Wahrscheinlich entsprachen sie lediglich der uralten Einsicht, daß Pathos, Tragik, ja jede Größe lächerlich wirken, wenn sie nicht gelegentlich in trivialen, komischen oder unsinnigen Gegengiften abgebaut werden.
Hinzu kommt ein schreibstrategisches Moment. Wer über Liebe, Tod oder die Schönheit des Abendhimmels schreibt, ist umstellt von tausend Vor-Schreibern und ebenso vielen, die folgen werden. Er muß den Abendhimmel grün oder schwefelgelb einfärben, wenn er auffallen will; und das wirkt rasch albern.
Anders die Nuß, der Nachttopf, die Zecke. Sie waren, bevor sich Horaz, Ovid oder Francesco Berni über sie her-machten, noch nie Objekte der Literatur.
Das hilft beiden. Die niederen, unwürdigen Dinge, die noch nicht mit Geschwätz und Bombast iiberhäuft wurden, freuen sich, aus ihrem Zusammenhang, bloß nützlich oder schädlich sein zu müssen, einmal herausgelöstzu werden. Der Autor ist es zufrieden, das Arsenal seiner Schreib-kunst in einer Art literarischer Erstbelebung realisieren zu können. Dabei drängte das Spielsteinchen, der Kochtopf schon immer seiner Beschreibung und seiner Huldigung entgegen. Die Trauer, unendlich viele Geschichten angesammelt zu haben, ohne daß sie erzählt wurden, kommt dem Erstautor als literarischer Überfluß entgegen. Damit ist das Vorwort des Vorworts beendet.
Die Gefahr besteht nun, daß die Traditionen der ¡schwarzen Rhetorik¡ schon wieder stilbildend in die kleinen Porträts alltäglicher Gegenstände mit eingehen. Dem versuchen wir auf zweierlei Weise zu entgehen. Durch eine gewisse Modernität der Dinge - Horaz kannte keinen Korkenzieher, Erasmus mußte ohne Büroklammer auskommen - und durch einen neuen Blick auf alte Gegenstände, die wir zu Zeiten ihres allmählichen Verschwindens festhalten: Hosenträger, Büstenhalter, Ehering, Füllfederhalter, Kohlepapier, wer weiß, wie lange es die noch gibt.
Wie 77 alltägliche Dinge zusammenbekommen? Wer hat sie ausgesucht? Was ist überhaupt eine ¡Lola¡ oder ein ¡post-it¡, ¡penny toy¡? Das sind Ausnahmen, kleine Sperrgüter aus den Ding-Mythologien der Autoren (mehr darüber unter L und P). In der Regel kamen die Dinge wie von selbst in unser imaginäres Museum der Sachen-Kultur. Als ¡Atome des Alltagslebens¡, die die großen Gegenstände und Verrichtungen miteinander verkuppeln, sind sie ja auch allgegenwärtig; man muß sie nur herausdeuten aus ihren Legierungen. Solange die Büroklammer klammert, die Sicherheitsnadel sichert, der Korkenzieher den Wein eröffnet und die Fahrkarte vorgezeigt wird, verschweigen sie all ihre anderen Eigenschaften. Daß sie schön sind, fremd, bizarr und komisch und daß sie als Legende die Geschichte ihrer Metamorphose besitzen. Jeder Löffel zitiert seine Vorformen und erinnert an Zeiten, zu denen man mit den Händen aß. Der Korkenzieher weist über sich selbst hinaus auf die Euro-Flasche, die ihn überflüssig macht. Auf Orangenpapierchen sind Mohren-köpfe zu sehen, die in ihrem Rassismus außer nach Südafrika nirgends mehr hinpassen. Die Textchen in diesem Buch suchen solche Geschichten, und sie erzählen sie als Hommage an die alltäglichen Dinge, nicht nur an die 77 ausgewählten.
Die Galerie der kleinen Dinge wurde zuerst von Radio Bremen eingerichtet. Die Herausgeber danken Jürgen Humburg.






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