Belser Verlag 1971, Gebunden, 256 Seiten.
135 Farbfotos im Bildteil
Einleitungskapitel :
Die Waldblumen, die Bodenpflanzen unter einem dichten Baumbestand, leben unter ganz anderen Bedingungen als die Pflanzen freier Flächen. Ihre Standorte bekommen viel weniger Licht, die Schwankungen der Temperatur sind geringer, die Feuchtigkeit ist höher, in der Luft sowohl wie in den oberen Bodenschichten.
Das Licht ist für die grünen Pflanzen die Quelle der Energie, die sie zum Aufbau ihrer Körpersubstanz, zur Assimilation, brauchen. Die Helligkeit am Boden eines Fichtenwaldes oder unter Buchen im Sommer kann weniger als 1 % von der der freien Fläche betragen. Das ist für grüne Pflanzen nicht ausreichend. Waldblumen fehlen dort auf weiten Flächen. Nur da, wo durch eine Lücke im Kronendach etwas mehr Licht auf den Boden fällt, zeigen sich grüne Flecken von genügsamen Moosen oder von Gräsern und anderen Blütenpflanzen. Bei geringer Helligkeit entwickeln sie jedoch nur Blätter, blühen nicht, weil der Stoffgewinn für Blüten und Früchte mit deren lebhaftem Stoffwechsel nicht ausreicht. Unter Fichten ist die relative Helligkeit das ganze Jahr im wesentlichen unverändert. Anders ist es im Buchenwald. Hier bieten die Frühlingswochen, bevor das Laub voll entfaltet ist, vielen Bodenpflanzen Lebensmöglichkeiten. Buschwindröschen, Leberblümchen, Blaustern sind die ersten, gefolgt von Lerchensporn, Lungenkraut, Scharbockskraut und Schlüsselblume. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie aus dem Boden hervorkommen, sobald die Temperatur ausreicht. Mit den Blättern zugleich entfalten sie auch die Blüten, fruchten rasch und ziehen bald wieder ein, wenn sich die Bäume belaubt haben. Sie nützen die kurze Spanne zwischen der Kälte des Winters und dem Schatten des Sommers im Laubwald aus. Zu der raschen Entwicklung sind diese Frühlingspflanzen dadurch befähigt, daß sie in unterirdischen Organen Reservestoffe gespeichert haben, die sie in ihrer kurzen Vegetationszeit für das nächste Jahr wieder auffüllen. Schneeglöckchen und Blaustern haben Zwiebeln, ebenso der Bärenlauch, der etwas später kommt; Lerchensporn und Aronstab besitzen Sproßknollen, Scharbockskraut Wurzeiknollen; Windröschen, Lungenkraut und Schlüsselblume speichern in verdickten Erdsprossen (Rhizomen), ebenso die später blühenden Maiblumen, Salomonssiegel, Schattenblümchen, auch die Einbeere. Solche mit unterirdischen Organen überwinternden Pflanzen werden
als Geophyten bezeichnet, und speziell als Frühlingsgeophyten die genannten Arten, die rasch ihre Früchte entwickeln und dann die oberirdischen Teile absterben lassen. Sie haben ihre Speicherorgane in geringer Tiefe unter der Laubstreu, die sich im Frühjahr schnell erwärmt. Das frühe Abwelken wird übrigens nicht unmittelbar durch die Beschattung hervorgerufen. Auch auf Kahlschlägen, wo sie volles Licht bekommen, ziehen z. B. die Buschwindröschen zur gewohnten Zeit ein. Sie folgen einem erblich festgelegten Rhythmus, nicht äußerem Reiz. Eine zweite Gruppe von Waldpflanzen blüht zwar auch im Frühjahr unter den günstigen Lichtverhältnissen, bleibt aber dann den ganzen Sommer über grün. Dazu gehört der Sauerklee, die Große Sternmiere, Bingeikraut, Taubnessel und Gundelrebe. Sie hungern bei stärkerer Beschattung, leben ohne Stoffgewinn. Andere Waldblumen wachsen nur an lichteren Standorten, die ihnen ausreichende Assimilation ermöglichen.
Viele Bodenpflanzen des Waldes sind ausgesprochene Schattenpflanzen, die außerhalb des Waldes nicht gedeihen, z. B. Sauerklee, Großes und Kleines Springkraut. Auch Maiblumen, Schattenblümchen, Windröschen kümmern auf Kahlschlägen rasch. Wirksam ist aber hier nicht das Licht, sondern die Austrocknung durch die Sonne. Die Waldpflanzen sind an höhere, vor allem gleichmäßige Luftfeuchtigkeit angepaßt, wie sie sich im Waldschatten bei der geringeren Temperatur und der schwächeren Luftbewegung hält. Schon in den Lichtfiecken, die mit dem Gang der Sonne über den Waldboden wandern, sieht man empfindliche Pflanzen vorübergehend welken: Bei den beiden Springkräutern werden die Blätter schlaff, der Sauerklee faltet die Blättchen nach unten zusammen. Die besonderen Bedingungen, die der Wald bietet, äußern sich auch in der Bestäubung der Blüten und in der Art, wie Früchte und Samen verbreitet werden. Waldblumen locken zwar wie andere Blütenpflanzen mit Farbe, Duft, Nektar und Pollen Insekten als Bestäuber an, aber wenn solche Fremdbestäubung ausbleibt, wird sehr häufig auch Selbstbestäubung wirksam, offenbar doch wohl im Zusammenhang damit, daß im Waldesinnern Insekten, die die Blumen besuchen, nicht so häufig sind wie im Freien. Haselwurz und Kleines Springkraut z. B. setzen ohne Insektenbesuch regelmäßig Frucht an.
Daß vegetative Vermehrung bei Bodenpflanzen des Waldes recht häufig ist, kann man auch im Zusammenhang mit der erschwerten Fremdbestäubung sehen. Das Scharbockskraut breitet sich ausschließlich durch seine Brutknöllchen aus, die Zahnwurz mit ihren Brutzwiebelchen. Viele andere, die sich auch durch Früchte verbreiten, vermehren sich daneben dadurch, daß sich ihre unterirdischen Organe verzweigen und, wenn die älteren Teile absterben, selbständige Tochterpflanzen liefern. Auf diese Weise können sich aus einer einzigen Pflanze mit der Zeit ganze Bestände entwickeln, die größere Flächen überziehen. Bei den einen sind es die Erdsprosse, die sich verästeln, wie beim Bingelkraut oder dem Buschwindröschen, andere bilden Tochterknollen oder -zwiebeln wie Lerchensporn, Aronstab oder Schneeglöckchen; durch Knospen an Wurzeln breitet sich der Knoblauchshederich aus, mit ober-irdischen Ausläufern die Walderdbeere.
Die Früchte der meisten Bäume des Waldes werden durch den Wind verbreitet. Nur bei den Eichen und der Rotbuche spielen Tiere als Verbreiter eine Rolle. Häher und Eichhörnchen verschleppen die Früchte, vergraben sie als Vorrat und finden schließlich nicht alle wieder. Gerade umgekehrt liegen die Dinge bei den Bodenpflanzen des Waldes. Hier sind Flugfrüchte die Ausnahme (Hasenlattich, Fuchs' Greiskraut). Etwas anderes ist es allerdings beim Weidenröschen. Dessen Flugsamen ermöglichen es dieser Lichtpflanze, Kahlflächen rasch zu besiedeln. Tier-verbreitung in verschiedener Weise ist dagegen die Regel. Beerenfrüchte mit unverdaulichen Samen haben u. a. Maiblume, Schattenblümchen, Salomonssiegel, Aronstab, Heidel- und Preiselbeere, Christophskraut, Tollkirsche. Im Fell verschleppen Tiere Klettfrüchte, wie sie Hexenkraut, Sanikel, Klettenkerbel oder Waldmeister ausbilden. Beim Gelben Salbei wirken Drüsensekrete als Klebstoff. Eine recht große Rolle unter den Waldblumen spielen die Pflanzen, deren Früchte oder Samen von Ameisen verbreitet werden. Ein Anhängsel wirkt als Lockspeise, derentwegen die Ameisen die harten Samen oder Früchte verschleppen und an anderer Stelle liegen lassen. Besonders unter den Frühlingspflanzen des Waldbodens gibt es zahlreiche solche Ameisenwanderer oder Myrmekochoren, wie sie genannt werden, z. B. Lerchensporn, Buschwindröschen, Leberblümchen, Taubnessel, Schneeglöckchen, Bärenlauch, Hainsimse, Nieswurz. Auch aktive Selbstverbreitung durch Schleuderfrüchte ist unter Waldkräutern häufiger als bei Wiesen- und Feldpflanzen. Die beiden Springkräuter, Diptam und Sauerklee wären hier zu nennen.
Die Laub- und Nadelstreu des Waldbodens schafft besondere Lebensbedingungen. Als bleiche Humusbewohner ohne Blattgrün wachsen hier Saprophyten wie Fichtenspargel und Nestwurz. Zweijährige Pflanzen, die im ersten Jahr eine überwinternde Blattrosette bilden und daraus im zweiten Jahr den Blütenstengel treiben, fehlen im Wald, wo die Rosette beim Laubfall zugedeckt werden würde. Eine Ausnahme wäre der Rote Fingerhut, der aber gerade nicht im Waldesschatten wächst, sondern frische Kahlflächen besiedelt. Manche Bodenpflanzen, deren oberirdische Teile im Herbst nicht absterben, lassen ihre Stengel vom Fallaub umlegen und bringen im nächsten Jahr daran aus Seitenknospen wieder Triebe hervor wie Waldmeister und Goldnessel.
Das sind einige Beispiele für die Art, wie Pflanzen mit ihren Eigenschaften in die Bedingungen ihrer Standorte eingepaßt sind. Bei der Beschreibung der einzelnen Arten wird in vielen Fällen auf besondere Eigentümlichkeiten der Wuchsweise, der Bestäubungseinrichtungen und der Frucht- oder Samenverbreitung eingegangen.
Die Anordnung der Arten folgt dem Pflanzensystem. Die Reihenfolge ist die gleiche wie in Schmeil-Fitschen, Flora von Deutschland und seinen angrenzenden Gebieten (Heidelberg 1967 und folgende Auflagen). Nur sind die Griiser, von denen nur wenige Arten als Beispiele behandelt werden, und die Farne an den Schluß gestellt.
Die Erklärung der wissenschaftlichen Pflanzennamen geht über reine Wort-Übersetzungen hinaus, um eine Andeutung von der Geschichte der Pflanzenkunde zu geben.
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