Gründgens als Mephisto
Worte genügen nicht, zumal es sich ja um Verse handelt, in denen stets mehr durchscheint als nur das Sagbare: Bild und Sinn, Sinnbildlichkeit.
Man muß diesen Mephisto sehen, wie und während er spricht. In die Sprache ist die Figur eingespannt, und diese rennt und weht und flattert durch die Räume, die uns die Bühne zeigt. Das nicht nur Menschliche, das Übernatürliche, das Dämonische läßt sie wie einen Vogel erscheinen, der niederfahrt und zustößt, zuweilen auch wie seine ¡Muhme, die Schlange¡, die sich am Boden wälzt. Das ist kein Geschöpf aus einer gewöhnlichen Welt, aber die Welt, die das größte Theaterstück in deut scher Sprache inszeniert, ist eben deswegen keine gewöhnliche, weil in ihr nicht nur der Teufel, sondern auch Gottvater mitspielt - wie es im ¡Vorspiel auf dem Theater¡ heißt:
¡So schreitet in dem engen Bretter haus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus/ Und wandelt mit bedächtger Schnelle/Vom Himmel durch die Welt zur Hölle¡.
Gründgens hat den Mephisto zum ersten mal als Dreiunddreißigjähriger gespielt, 1932 in Berlin. Damals, und noch in den späteren Inszenierungen, in denen er auch Regie führte (Berlin, Düsseldorf), hatte sein Teufel (nach seinen eigenen Worten), etwas ¡Aggressives, Aktivistisches¡, das den Faust überrannte, als wäre dieser nur eine ¡Marionette¡ in seiner Hand, Diese ¡Maßlosigkeit¡ verlor sich erst, als er, in unablässiger Beschäftigung mit der Dichtung, erkannte, daß sich Goethe, je weiter er im zweiten Teil vor drang, desto mehr von Faust und dem ¡Faustischen¡ distanzierte: es war nun gerade Fausts ¡Maßlosigkeit¡, die ¡immer etwas Widerwärtiges hat¡, oder, wie ein andermal notiert ist: ¡Unbedingte Tätigkeit¡ (wie sie Faust zuletzt ausübt) ¡macht banquerott¡. Dem mußte also ein anderer Teufel konfrontiert werden. Und zu dieser neuen Konzeption gelangte Gründgens, als er sich entschloß, in der Hamburger Inszenierung (1957/8) das bisher stets gestrichene ¡Vorspiel auf dem Theater¡ mitzuspielen: darin ist nämlich die Figur, bevor sie den Teufel spielt, die ¡Lustige Person¡, der Harlekin des reinen Spiels, das nichts anderes vorzugeben wünscht, als daß alles ¡Theater¡ ist was sich auf der Bühne zeigt, Himmel und Hölle und die Welt, ¡Faust¡ war nicht mehr das, wozu ihn frühere, um Tiefsinn bemühte Aufführungen gemacht halten: das ¡Weihespiel¡, eine ¡deutsche Pflicht statt eines deutschen Vergnügens¡. So Gründgens, der dazu noch schrieb: ¡Der Verpflichtung enthoben, historisch echt zu sein, wurde plötzlich der Blick frei für von mir bis dahin nicht richtig erkannte Großartigkeiten: zweifellos die entscheidendste dabei war für mich die Entdeckung einer ungeheuren Ironie. Schon zur Grablegung hat Goethe gemeint: ‚Es steckt eine gehörige Portion Ironie darin'.¡
Damit kam Gründgens nun endlich zu ¡seinem¡ Mephisto. Denn seine wohl unvergleichlichste Gabe. seine Einmaligkeit, ja, seine Genialität, war gerade die Fähigkeit seiner darstellerischen Einbildungskraft, die in dem Begriff ¡Ironie¡ angesprochen ist Es ist nicht nur das, was man so obenhin damit meint (auch nicht das, was unsere Romantiker darunter verstanden). Sondern die Gabe, zugleich das darzustellen, als was man zu erscheinen wünscht, und etwas ganz anderes durchscheinen zu lassen, was dahinter ist: das Doppelsinnige und Zweideutige, worin sich das Natürliche ins Geisterhafte verwandelt Gründgens spielte also jetzt die ¡Lustige Person¡, die den Mephisto spielt; nichts hinderte ihn mehr, seinen Esprit so zu entfalten, daß man ein gar nicht mehr dämonisches Vergnügen daran haben konnte; und andererseits machte es ihm wiederum Spaß, nicht nur sich selbst, wenn er als Mensch mit Menschen zu reden vorgab, zu verteufeln, sondern auch die jeweiligen Partner; und in den großen Szenen,
in denen es um den Sinn der ¡Tragodie¡ (denn so heißt nun einmal das Werk) ging, schien er stets, gleichsam über den Partner Faust hinweg, mit seinem eigentlichen Partner zu reden: mit dem Gottvater des ¡Prologs im Himmel¡. Hatte er in Hamburg das ganze Werk als ¡Spiel im Spiel¡ inszeniert - nach Goethes Wort: ¡Auf jedem Jahrmarkt getraue ich mich, auf Bohlen über Fässer geschichtet - - - der gebildeten und ungebildeten Masse das höchste Vergnügen zu machen¡ -‚ so war er doch nicht prinzipienhaft genug, um in der Grablegungsszene auch das Brettergerüst abzuräumen und nichts als dienacktn Bühne mitabgestellten Kulissen, Kabeln und Scheinwertnrs übrig zu lassen: darin hockte nun der Teufel als der zum Gottes-knecht degradinrtn gefallene Engel, der die Seele und damit die Wette verloren hatte, die ¡Lustige Person¡ im Abfallkorb der Tragödie. Wieder stellte sich hier jene Wirkung ein, die der Schauspieler Gründgnns auszulösen vermochte; die rätselhafte Transparenz, die seine letzte Rolle, den König im ¡Don Carlon¡ wie vom Tod gezeichnet erscheinen ließ, eis Jahr, bevor sein eigenes Leben das Ende fand.
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